Mein Jahresrückblick 20182019-02-05T05:49:23+01:00

Nur wer aufgibt, hat verloren

2018 – Hier erzähle ich meine ganz persönliche Story

Was macht eine deutsche Texterin und Storytellerin in Buenos Aires? Das ist wohl die häufigste Frage, die ich in den letzten Jahren und Monaten höre. Und da ein gelungener Neustart – und hier in Argentinien startet man hin und wieder bei Null – auch mit einem Rückblick einher geht, teile ich hier die verrückte Geschichte meines letzten Jahres in einer noch verrückteren Stadt.

 

 

In der Silvesternacht 2017 werde ich mit einer überraschenden Tatsache konfrontiert: Alle Freunde, Nachbarn und die Passanten auf der Straße sind in Weiß gekleidet. Ich komme mir mit meiner edlen schwarzen Bluse reichlich deplatziert vor. Doch Bräuche sind verschieden. In meiner Wahlheimatstadt Buenos Aires trägt man an Weihnachten und Neujahr nicht das kleine Schwarze, sondern ein weißes Kleid.

Sowohl in der nördlichen als auch in der südlichen Hemisphäre ist es Tradition, am Ende eines Jahres zurückzuschauen. Was ist passiert, was hat das vielleicht in meinem Leben verändert, und was ziehe ich daraus für Schlüsse für das neue Jahr?

Argentinien ist ein Land der Extreme. Das war auch im Jahr 2018 nicht anders. Und so hat es mich, ob ich wollte oder nicht, mitgerissen in seiner Dynamik. Mein Leben im Guten wie im Schlechten auf den Kopf gestellt. Hier ist mein Einblick in den ganz alltäglichen Wahnsinn meines nicht so ganz alltäglichen Lebens in einem wunderschönen Schwellenland.

Sommer: Ich lerne, im Regen zu tanzen

Ein Land probt den Widerstand

Wer in Argentinien lebt, ist so einiges gewöhnt: Der Zusammenbruch des Währungssystems, der Verlust aller Ersparnisse, Plünderungen, Arbeitslosigkeit und Armut – all das kam in der  Geschichte der Menschen schon häufig vor. Das Leben hier gleicht einer Achterbahnfahrt – und die Menschen machen das Beste daraus. “Du musst lernen, im Regen zu tanzen.”, ist ein geflügeltes Wort, das die Haltung der Menschen sehr gut beschreibt.

Doch das Jahr 2017 hat der Bevölkerung zugesetzt: Die Tariferhöhungen der öffentlichen Verkehrsmittel und Steigerungen der Strom- und Gaspreise um bis zu 1000 Prozent brachten gerade die Geringverdienenden an die Grenze der Belastbarkeit. Wenn sie denn überhaupt noch Arbeit hatten. Die Inflation von mehr als 25% tat ihr Übriges. Und auch die Mittelklasse, die in der Regel zum Wählerkreis des neoliberalen Mauricio Macri gehört und seine Anpassungspolitik unterstützt, bekam die Folgen seiner Maßnahmen nach und nach zu spüren.

Der Januar 2018, ein Monat mit brütender Sommerhitze, steht noch unter dem Eindruck der schweren Ausschreitungen in Buenos Aires aus dem letzten Jahr. Es reichte den Argentiniern einfach: Die Regierung wollte zusätzlich zu den enormen Preiserhöhungen an die ohnehin schon kaum zum Leben reichenden Renten Hand anlegen. Das rief Massendemonstrationen auf den Plan, an denen nicht nur Rentner teilnahmen. Die Polizei ging mit Gummigeschossen und Wasserwerfern gegen die Demonstranten vor. Die Bilder erinnerten an die Zustände in 2001, als Argentinien kurz vor einem Bürgerkrieg stand.

All das fand kurz vor dem Weihnachtsfest statt, und nun, noch vor dem Fest der Heiligen Drei Könige, legt Argentinien seiner Bevölkerung ein neues Paket unter den Baum: Die Tariferhöhungen bei den öffentlichen Verkehrsmitteln sind noch lange nicht Geschichte. Macri schafft nach und nach die Subventionen ab. Argentinien protestiert – zunächst ohne Erfolg. Im Februar jedoch legt zunächst ein Generalstreik der Banken die Wirtschaft lahm, dann ein Streit der Lastkraftwagenfahrer, der 85.000 Menschen auf die Straßen ruft.

Das Schöne im Traurigen suchen

“Du musst lernen, im Regen zu tanzen.” Das ist auch mein Motto in diesen Januartagen. Schritt für Schritt erhole ich mich von einer langen Erkrankung. Mit kleinen Zielen, die zu erreichen jedesmal eine enorme Kraftanstrengung erfordert, kämpfe ich mich im wahrsten Sinne des Wortes wieder zurück in den Alltag. Es geht mir noch lange nicht gut, doch Sport und tolle Aufträge sind meine Gesundheits-Booster.

Vor allem Ausarbeitungen über den Führungsstil im 21. Jahrhundert und zur Corporate Identity in Unternehmen bringen mich schnell wieder auf die Beine. Das ist mein Regentanz: Ich lasse die Macherin in mir los.

Mit Erfolg: Anfang März besuchen mich Katrin, meine Freundin aus der Grundschule, und ihr Mann Torsten in Buenos Aires. Entgegen aller Befürchtungen kann ich mich perfekt um sie kümmern und ihnen die volle Dosis Argentinien verabreichen. Ich beginne ganz langsam mit einem argentinischen Brunch nach ihrer Ankunft:

  • Mate – ein argentinisches Aufgussgetränk, das aus ganz speziellen Gefäßen getrunken wird
  • Dulce de Leche – die allgegenwärtige Karamellmarmelade
  • Medialunas – Croissants, die allerdings viel kleiner und butterhaltiger sind
  • Empanadas – eine Freundin hat sie mal als Mini-Pizza-Calzone bezeichnet und
  • Dulce y Fresco – ein weicher, wenig gereifter Käse, der zusammen mit einer festen Marmelade aus Süßkartoffeln gegessen wird.

Später wird dann noch ein Gancia folgen: Eine Art Wermut, den ich bisher nur in Argentinien gesehen habe, und der zumeist mit Zitronenlimonade, ein paar Zitronenscheiben und viel Eis getrunken wird.

Wir machen gemeinsam Buenos Aires unsicher. Auf dem Plan stehen

  • ein Besuch im Ateneo, einer der schönsten Buchhandlungen weltweit, die in einem alten Theater errichtet wurde
  • ein Gang durch das Evita-Museum, in dem die Geschichte der in Argentinien wie eine Heilige verehrten First Lady nachvollzogen werden kann
  • der pittoreske Friedhof Recoletta, auf dem sich auch das Grab von Evita befindet
  • das jüdische Viertel Once
  • die wunderschöne Avenida de Mayo, an deren Enden man das Kongressgebäude beziehungsweise das Regierungsgebäude und die berühmte Plaza de Mayo vorfindet
  • eine Überfahrt nach Uruguay, wo die alte Kolonialstadt Colonia del Sacramento zu bestaunen ist.

Weltwunder …

Den absoluten Höhepunkt unseres Treffens stellt jedoch ein Flug zu den Iguazú-Fällen dar. Die Wasserfälle an der Grenze zu Brasilien und Paraguay gelten zu Recht als eines der sieben Weltwunder der Natur. Sie sind die größten Cataratas der Welt, und meiner Meinung nach noch deutlich eindrucksvoller als die Niagara-Fälle. Es ist das dritte Mal, dass ich in den Norden reise, und sie bringen mich immer wieder zum Staunen. Wir fahren zu fünft. Katrin, Torsten, mein Partner Alejandro, seine Tochter Valentina und ich bilden eine lustige Truppe, die sich im Vogelpark auf der brasilianischen Seite der Wasserfälle genauso amüsiert wie auf einer schrecklichen Touristenveranstaltung mit gelangweilten Tänzern und Musikern und einer Schnellbootfahrt durch die Wasserfälle in Argentinien. Dabei hatten wir großes Glück: Noch kurz zuvor zeigten Bilder die Iguazú-Fälle regelrecht ausgetrocknet. Doch als wir in die “Garganta del Diabolo”, die Kehle des Teufels, blicken, tost das Wasser genauso berauschend, wie ich es bereits in den Jahren zuvor kennengelernt hatte.

… und wahres Leben

Noch ein anderes Ereignis bleibt meinen Freunden wohl dauerhaft in Erinnerung: Sie bekommen einen Geschmack vom argentinischen Karneval. Doch nicht von Ferne. Ich nehme sie kurzerhand auf eine Veranstaltung in einem kleinen Kulturzentrum mit, stelle sie meinen Freunden vor und gehe dann auf die Bühne. Seit drei Jahren spiele ich selbst in einer argentinischen Karnevalstruppe – einer sogenannten Murga – Akkordeon. Dabei muss man sich den Karneval in Buenos Aires ganz anders vorstellen, als einen deutschen Rosenmontagsumzug oder eine Fastnachtsveranstaltung. Die Murga erinnert an die Geschichte der afrikanischen Sklaven, von dem Moment, in dem sie sich von ihren Herren befreit haben. Daher unterscheiden sich nicht nur die Kostüme grundlegend von den europäischen. Auch die Tänze stellen eher ein Springen denn ein tanzen dar – zu einem dröhnenden Rhythmus von unzähligen Pauken und kleinen Becken. Dazu werden auf einer Bühne Lieder mit oder ohne Musikbegleitung gesungen, die vom Leben und Lieben in Buenos Aires erzählen. Und die die Zustände der Gesellschaft mal ironisch, mal beißend, kritisieren.

Als ich vor drei Jahren gefragt wurde, ob ich in der Murga mitmachen wolle, war ich alles andere als begeistert. Ich hatte zwar ein Akkordeon, aber ich hatte es seit fünfundzwanzig Jahren nicht mehr angerührt. Doch als ich die strahlenden Augen des Leiters der Bewegung sah – Fausto, einem ganz wunderbaren Mann – konnte ich nicht nein sagen. Ich mochte die Musik und die Menschen. Und als mir Fausto erzählte, wie er die Murga gegründet hat, um die Kinder aus den Elendsvierteln herauszuholen und ihnen eine Zugehörigkeit jenseits von Drogen und Alkohol zu ermöglichen, gab es für mich kein Zurück mehr. Ich spiele noch immer nicht besonders gut. Das ist in einer Murga aber auch gar nicht wichtig. Es zählt die Freude, denn die überträgt sich auf das Publikum.

“Ganz liebe Menschen”, sagte Torsten zum Abschied, denn meine Freunde hatten ihn sofort in ihren Kreis aufgenommen. “Das sind ganz liebe Menschen hier.”

Herbst: Bedrohung aus dem Paradies?

Aus Geld wird bunt bedrucktes Papier

“Der Dollar verliert nie an Wert”, sagen die Argentinier. Die Bäume beginnen im April, ihre Blätter abzuwerfen.

Wenn ich daran denke, dass der Euro im Jahr 2012, als ich das erste Mal in Argentinien war, noch bei sechs Argentinischen Peso stand, im März 2018 hingegen bei rund 23 Peso, dann kann man diese Sichtweise sehr gut nachvollziehen. Bis zum Regierungswechsel hatte die Präsidentin Cristina Kirchner den Wechselkurs des Peso stabil gehalten, nur auf dem Schwarzmarkt machten sich – im Verhältnis – leichte Unterschiede bemerkbar. Sie hatte auch den Ankauf von US-Dollar beschränkt, so dass die in Argentinien übliche Flucht in die stabile Währung unterbunden wurde. Nach der Regierungsübernahme durch die neoliberale Partei Cambiemos, mit Mauricio Macri an der Spitze, wurde der Wechselkurs und der Dollarumtausch freigegeben. Der Peso verlor über Nacht 40 Prozent seines Wertes. Seither ging es langsam aber stetig bergab.

Mit der Langsamkeit ist es im Frühjahr 2018 allerdings vorbei. Bereits im Mai bricht der Pesokurs um sieben Prozent ein, was den Begriff “schwarzer Donnerstag” prägt. Vielleicht ist es gut, dass zu diesem Zeitpunkt noch niemand weiß, dass das erst der Anfang ist. Macri nimmt das erste Mal Kontakt mit Christine Lagarde auf. Argentinien hat bereits Erfahrung mit einer Verschuldung beim Internationalen Währungsfonds gesammelt. Und es waren keine guten: Soziale Einschnitte und Haushaltskürzungen waren die unvermeidliche Folge und werden es auch diesmal sein.

Mauricio Macri wirbt in einer Fernsehansprache für das Verständnis des Volkes. Doch die Argentinier sind skeptisch. Die Geschichte hat sie so einiges gelehrt. Denn seit Nestor Kirchner im Jahr 2006 die Schulden beim IWF zurückgezahlt hat, wissen die Menschen ihre neu gewonnene Freiheit zu schätzen. Zu einer Beruhigung der Märkte kommt dennoch nicht. Der Peso bleibt bei seiner Talfahrt. Die an den US-Dollar gekoppelten Preise in den Supermärkten steigen. Die Löhne nicht.

Geh dahin, wo der Pfeffer wächst!

Ich mache Bekanntschaft mit Fremdenfeindlichkeit. Zum allerersten Mal. Als Texterin und Übersetzerin weiß ich mit der deutschen Sprache umzugehen. Komplizierte Sachverhalte einfach zu erklären gehört zu meinen großen Stärken. Was liegt da näher, als in Buenos Aires Deutsch zu unterrichten? In einem Kurs am Goethe-Institut könnte ich das benötigte Zertifikat als Deutschlehrerin erwerben. Doch um an dem Kurs teilzunehmen, muss ich bereits an einem Institut unterrichten. Oder zumindest hospitieren. Dass sich an dieser Stelle die Katze in den Schwanz beißt, versteht auch die Leiterin des Goethe-Institutes. Ich versuche, mit ihr zu verhandeln – ohne Erfolg. Um eine Abkürzung zu nehmen, schildere ich in einem Jobportal auf Facebook meine Story.

Keine zwanzig Minuten später habe ich die erste Antwort: “Und warum haust du nicht einfach wieder ab nach Europa,”, fragt mich eine Sportlehrerin, “anstatt uns die ohnehin schon knappe Arbeit wegzunehmen?” Gefolgt von ein paar saftigen Beleidigungen. Als sich sofort ein paar Stimmen regen, die per darum bitten, mir doch bitte mit Respekt zu begegnen, stellt die Kommentatorin klar: “Ich will, dass die Jobs in Argentinien den Argentiniern zugute kommen, keinen Deutschen oder Bolivianern.” Auf eine Weise kann ich die Frau verstehen. Gerade erst soll ein Gesetz verabschiedet werden, dass die Anzahl der Schulen in Buenos Aires drastisch reduziert. Kein Verständnis haben allerdings die Mitleser. Und binnen weniger Stunden habe ich zwei Angebote, an renommierten deutschen Schulen Deutsch und/oder Wirtschaft zu unterrichten.

Ironischerweise schreibe ich während dieser Tage gerade an einer Ausarbeitung über den Fachkräftemangel in der DACH-Region. Die sogenannte “erste Welt” muss den Argentiniern wie ein Paradies vorkommen.

Wissen, einfach nur Wissen…

Europas Rechtsprechung erscheint den Südamerikanern hingegen teilweise vollkommen absurd. Es ist Ende Mai, als ich meinen Webauftritt gestalten will und aus heiterem Himmel über die DSGVO stolpere. In den vier Jahren, in denen ich nun in Argentinien lebe, habe ich nie davon gehört. Allerdings hatte ich bislang auch keine Veranlassung gehabt, mich über das deutsche Internetrecht zu informieren. Alejandro kann nicht begreifen, weshalb ich nun nächtelang alles lese, was mir in irgendeiner Form zur neuen Verordnung in die Hände fällt. Auch dann nicht, als ich versuche, ihm das Abmahnwesen zu erklären. Er lacht, wenn ich von Bußgeldern in Millionenhöhe spreche. Und er schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, als ich unsere Adresse auf die Homepage setze. Ich bin sicher, hierzulande würde sich niemand, wirklich niemand um eine DSGVO scheren.

Ich tue es und fange an zu lernen: Bisher waren mir weder Cookies noch IP-Adressen ein Begriff. Im Laufe der Monate werde ich zur Expertin. Befasse mich mit Webdesign. Und fange an, Gefallen daran zu finden, mich mit immer neuen Informationen einzudecken. Ich werde Stammkundin bei Udemy und kaufe Kurse bei den spanischsprachigen Anbietern Crehana und Domestika. Später werde ich entdecken, dass sich ein Workout auf dem Laufband hervorragend mit einem solchen Kurs vereinbaren lässt. Aber das ist im Frühjahr noch nicht spruchreif.

Für einen Internetanbieter schreibe ich mehrere Blogbeiträge über die Gestaltung von Webseiten.

Winter: Werte, Wertverlust und das, was wirklich zählt

Ein erbitterter Kampf um Leben und Tod

Seit Monaten kämpfen Tausende von Frauen um eine Lockerung des Abtreibungsrechts. Bislang stehen Abtreibungen unter Strafe. Das führt zu der grausamen Situation, dass die zumeist jungen Frauen und Mädchen erst dann in professionelle Hände kommen, wenn sie in irgendwelchen dreckigen Hinterzimmern von bezahlten „Helfern“ so verletzt wurden, dass sie medizinisch versorgt werden müssen. Wenn sie Glück haben, werden sie im Anschluss von der Polizei in Empfang genommen. Wenn sie Pech haben, sterben sie.

Im kühlen Juli ist Argentinien gespalten in “grüne Halstücher”, die Abtreibungsbefürworterinnen, und “hellblaue Halstücher”, die die Abtreibungsgegnerinnen kennzeichnen. Beide Seiten bekämpfen sich erbittert. Die Abtreibungsgegnerinnen prägen den Slogan “Lasst uns beide Leben retten!”, eine Forderung, die angesichts der vielen Todesfälle allein in jüngster Geschichte schon zynisch erscheint. Der Kongress bringt einen Gesetzentwurf ein, nach dem eine Abtreibung bis zur vierzehnten Woche möglich sein soll.

Die absonderlichen Annahmen des Doktor Albino

Zu dieser Zeit denke ich über ein neues soziales Engagement mit Kindern in einem Elendsviertel nach. In den Jahren 2014 und 2015 war ich mit den “Voluntarios sin Fronteras” in der “Villa 31” tätig, dem größten Elendsviertel von Buenos Aires. Ich habe Kindern von fünf bis zwölf Jahren vorwiegend Nachhilfeunterricht gegeben, aber auch mit ihnen kleine Projekte durchgeführt, gespielt, ihnen unzählige Geschichten vorgelesen und ihnen Frühstück bereitet.

Als ich 2018 wieder einsteigen will, werden in diesem Projekt keine Mitarbeiter benötigt. Ich mache mich also weiter auf die Suche und gelange an eine Organisation namens “Fundación CONIN”. Dort bewerbe ich mich auf eine Stelle zur Begleitung jugendlicher Mütter und ihrer Kinder. Das Bewerbungsverfahren ist noch nicht abgeschlossen, da höre ich die Rede des Präsidenten der Organisation, Dr. Abel Albino, vor dem argentinischen Senat. Er behauptet allen Ernstes, dass Kondome nicht gegen eine Ansteckung mit dem HI-Virus schützen, da dieser “selbst Porzellan durchdringen würde”. In diesem Zusammenhang bekräftigt er noch einmal klar seine Haltung gegen ein Gesetz, das eine Abtreibung ermöglicht.

Ich ziehe meine Bewerbung zurück.

Projektmanagement mal ganz anders

Stattdessen wende ich mich noch einmal an die Voluntarios sin Fronteras. So lange eine Arbeit vor Ort nicht möglich ist, biete ich meine Mitarbeit im Projektmanagement an. Ich übernehme eine Aufgabe im Eventmanagement der Organisation und beginne, das Programm “Idiomas sin Fronteras” zu neuem Leben zu erwecken. Ziel ist es, mit Sprachunterricht finanzielle Mittel für die Voluntarios zu gewinnen.

Unter anderem betexte ich in dieser Zeit die Webseiten eines Unternehmensberaters mit Ausführungen über agile Methoden in der Praxis. Wie sehr unterscheidet sich die Vorgehensweise in Deutschland von der argentinischen. Das strukturierte, nur klar auf ein Ziel ausgerichtete Vorgehen möchte ich hier nicht einmal ausprobieren. Viel wichtiger als das Ziel ist hier der Zusammenhalt. Pausen. Mate. Das Gespräch. Eine Versammlung, für die wir eine Stunde ansetzen, endet in der Regel zwei Stunden später. Es ist einfach so.

Auch die Form der Diskussion ist anders. Anfangs erschien es mir als eine unglaubliche Respektlosigkeit, dass jeder jeden mitten im Satz unterbricht. Alejandro und Valentina staunten hingegen darüber, dass in Deutschland eine Diskussion aus einzelnen Monologen besteht, die jeweils abgewartet werden. Als Deutschlehrerin konnte ich es mir schließlich erklären: In unserer Sprache ist die Aussage häufig erst mit dem Partizip am Ende des Satzes klar: Ich habe heute Morgen, noch im Pyjama, mit ungekämmten Haaren und hundemüde…… das Frühstück für meine Kinder, meinen Mann, unseren Hund, die Katze, die Maus…. zubereitet. Im Spanischen ist es ganz anders: Subjekt – Prädikat – Objekt und dann kommt der ganze lange Rest: Ich habe das Frühstück zubereitet – für die Kinder, den Mann, …. Das heißt, die Argentinier wissen am Anfang des Satze schon Bescheid, wohin die Reise geht. Niemand nimmt es übel, wenn er unterbrochen wird.

Ich muss schmunzeln, als sich ein Kunde einen Artikel über Kommunikation und Verhandlungsführung wünscht.

Es überlebt der Anpassungsfähigste – Darwin

Währenddessen reizt mich die Idee, selbst noch einmal Unterricht zu nehmen. Und da in Argentinien zur Zeit meine Abschlüsse ebensowenig wie mein Abitur anerkannt werden, wende ich mich online noch einmal an die Uni, an der ich vor zwanzig Jahren Betriebswirtschaft studierte. Ich möchte begreifen, was mit der Wirtschaft in Argentinien los ist. Die Zentralbank hat den Leitzins inzwischen auf 60 Prozent erhöht und schaufelt Geld in großen Mengen auf den Markt, doch der Dollarkurs befindet sich in der schwindelerregenden Höhe von 40 Peso und es ist kein Ende abzusehen. Also bestelle ich bei der Fernuni-Hagen noch einmal einige Kurse in Volkswirtschaft. Und habe doch im Ohr, dass mir eine hiesige Ökonomin sagte: “Vergiss es, Argentiniens Wirtschaft folgt keinen Regeln.”

Diese Regellosigkeit macht uns auch selbst zu schaffen, denn auch das Einkommen meines Partners sinkt, während die Supermärkte täglich neu auspreisen. Wir organisieren um: Fortan stürze ich mich auf meine Arbeit als Texterin und Storyteller, während mir Alejandro den Rücken freihält. Den berühmt-berüchtigten argentinischen Machismo, gegen den die Frauen mit ihrer Bewegung “Ni una menos” seit Jahren kämpfen, gibt es bei uns nicht.

Der Einstieg ins Arbeitsleben ist in dieser Zeit das Hauptthema meiner Aufträge.

Mein Ismael

Ich frage so lange bei den Voluntarios sin Fronteras nach, bis sie mir einen Platz in einem neuen Projekt “Coloreando el Mundo” in der Villa 31 geben. Auch hier handelt es sich um einen Platz zum Frühstücken, zum Spielen und zum Lernen für die Kleinsten. Alejandro hat Angst um mich, wenn ich in die Villa gehe. Doch ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Bewohner uns kennen, und sie schätzen, was wir tun. Sie würden nicht auf die Idee kommen, uns zu bestehlen oder in Gefahr zu bringen. Denn sie wissen, dass sie damit die Unterstützung für ihre Kinder beenden könnten.

Wenn ich gefragt werde, warum mein Herz so sehr an dieser Arbeit hängt, dann antworte ich gerne mit einer kleinen Geschichte:

In meinem alten Projekt hatte ich einen ganz besonderen Schützling: Ismael. Der kleine Junge war acht Jahre alt, als ich ihn kennenlernte, und er fiel mir auf, da er es schwer zu haben schien. Am Morgen war er meistens stumm, ließ niemanden an sich heran und sonderte sich von allen anderen Kindern ab. Wenn es Zeit wurde, nach Hause zu gehen, begann er zu schreien und aggressiv zu werden. Ismael war mein Junge. Morgens setzte ich mich schweigend neben ihn und wartete. Fünf Minuten oder auch fünfzehn. Bis er anfing zu reden. Er malte mir Bilder, wir machten Fotos. Und wir redeten. Meistens über Fußball.

Ich sah Ismael wieder, als wir einige Veranstaltungen für alle Projekte organisierten: Wir mieteten einen Kinosaal für alle Kinder und schauten einen Zeichentrickfilm an. Und wir feierten gemeinsam Kindertag. Ismael erkannte mich nicht. Doch ich zeigte ihm unser Foto, erzählte ihm von unseren gemeinsamen Spielen. Und es war wie früher. Wir schwiegen, dann redeten wir. Über Fußball. Ismael ist heute ein großer, toller Junge, der wunderschön zeichnet und Mathe mag. Mit einem Gedächtnis, das mich immer wieder überrascht. Unsere Projekte zielen darauf ab, die Kids von der Grundschule über die Sekundärstufe bis in eine Ausbildung oder auf die Uni zu begleiten. So dass sie eine Chance haben, aus dem Millieu und aus dem Elendsviertel herauszukommen.

Mein Ismael hat so viel Potential. Ich will, dass er es schafft.

Frühjahr: Das Leben ist kein Fußballspiel.

Wo zwei essen, essen drei

Mauricio Macri befindet sich im November in New York und wirbt um Investoren, während ein Generalstreik das Land lahmlegt. Der Chef der Zentralbank tritt zurück.

Wir erhalten die Zusage unserer Vermieterin, unseren Mietvertrag verlängern zu können und somit im November nicht umziehen zu müssen. In Argentinien ist es üblich, dass der Mietvertrag nach zwei Jahren neu verhandelt wird. Es gibt keinen Mietschutz, wie wir ihn aus Deutschland kennen. Entscheidet der Vermieter, dass er das Verhältnis nicht fortsetzen möchte, muss der Mieter zum Ende der Vertragslaufzeit die Wohnung verlassen. Egal, ob es sich dabei um vier Monate oder zwei Wochen handelt. Wir jedoch sind übereingekommen, dass wir bleiben werden, und können somit eine Reise in meine Heimatstadt Berlin planen.

Die Tochter meines Partners möchte der Sommerhitze entfliehen und einmal den Schnee sehen. Auf der anderen Seite ist sie doch hin und hergerissen: Sie hat seit einem Jahr einen festen Freund, den sie nicht zurücklassen möchte. Wir kennen ihn, doch er ist so schüchtern, dass wir im Grunde nichts über ihn wissen. “Wo zwei essen, essen drei.”, lautet ein lateinamerikanisches Sprichwort. Wir nehmen ihn mit.

Ich sichere den Eltern des Jungen zu, dass ich mich als Deutsche bestens mit der europäischen Kultur auskenne, mich um die Kranken- und Haftpflichtversicherung („Was versichert man damit?“) kümmere und auch sonst gut auf ihren Sohn aufpassen werde. Sie haben selbst das Land nie verlassen. Doch sie wissen, dass diese Einladung für ihren Jungen eine einmalige Chance ist.

Später wird Lautaro uns eine bewegende Nachricht schreiben, in der er sich für die Reise bedankt. Er versichert darin, dass er nun alles dafür tun wird, auch künftig reisen zu können. Ich finde, das ist ein guter Start für einen jungen Mann, der gerade die Schule verlassen hat.

 

Schlaf wird zum Luxusgut

Gerade habe ich mich begeistert auf meine Arbeit und meine Weiterbildung gestürzt, da kommt eine Hiobsbotschaft: Die Forderungen der Vermieterin sind so unverschämt, dass wir beschließen, uns eine neue Wohnung zu suchen. Wir haben zwei Wochen Zeit, wenn wir nicht unter der Brücke landen wollen.

Es ist in Argentinien nicht so einfach, eine Wohnung zu finden. Die meisten Vermieter möchten eine Bürgschaft eines Verwandten, der mit seiner eigenen Immobilie für die Mietschulden des Bewerbers einsteht. Alejandro hat keine Immobilienbesitzer in der Verwandschaft. Ich habe keine Verwandschaft in Argentinien. Nichtsdestotrotz finden wir innerhalb einer Woche eine Wohnung, und in der nächsten bringen wir den Umzug über die Bühne. Ein junger Mann meiner Murga-Familie hilft uns dabei. Noch am Abend vor dem Abflug schiebe ich Koffer und Kisten mit Kleidung und Geschirr durch die Wohnung. Eine Stunde Schlaf, dann steht Valentinas Mutter vor der Tür und bringt uns zum Flughafen.

In all der Aufregung bekomme ich nur am Rande mit, dass die beiden in Buenos Aires konkurrierenden Fußballvereine Boca und River gegeneinander antreten sollten. Es jedoch zu so massiven Ausschreitungen gekommen ist, dass das Spiel abgesagt wurde. Eine üble Geschichte: Fans hatten den Bus des gegnerischen Fußballteams mit Steinen beworfen. Das Spiel wurde nun aus Argentinien nach Spanien verlegt.

Auf der Suche nach Schnee und Currywurst

Wir landen in Spanien in den frühen Morgenstunden. Zuvor wurde ich an der argentinischen Grenze noch informiert, dass meine lang ersehnte dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung für Argentinien umgewandelt wurde in: genau gar keine Aufenthaltsgenehmigung. Ein blöder bürokratischer Fehler. Ich bin jetzt wieder eine Touristin in dem Land, in dem ich seit über vier Jahren lebe.

Zunächst bleiben wir einige Tage in der Nähe von Barcelona. Wir leben in der Bar einer mit Alejandro befreundeten Familie. Sie hatten in Buenos Aires ein kleines Geschäft, sind dann nach Europa ausgewandert und bauen sich dort in einem kleinen Dorf ihr zweites Standbein auf. Im Anschluss arbeiten wir uns Stück für Stück gen Norden, während wir unterwegs warme Kleidung für den Berliner Winter einkaufen. Wir sind auf der Suche nach Currywurst und Schnee. Schnee finden wir nicht in Berlin, dafür eine wunderschöne Unterkunft bei Katrin und Torsten, Gänsebraten und Weihnachtsmärkte. Und Currywurst selbstverständlich. Den ersten, kaum sichtbaren, Schnee gibt es dann in der Nähe von Weimar. Wir sind auf dem Weg nach Buchenwald, von dem die Kids aus dem Unterricht gehört haben. In Frankfurt dann große Begeisterung: Die erste Schneeballschlacht! Schließlich bleiben wir in Chamonix Mont Blanc mit unserem Auto liegen. Valentina und Lautaro haben vier Tage Zeit, Schneemänner zu bauen und die verschneiten Tannen zu bewundern. Dann befinden sich noch Marseille und Barcelona auf unserer Bucket-List, bevor wir am Heiligen Abend wieder in unserer noch immer chaotischen Wohnung ankommen.

Auf unserem Weg waren die französischen Gelbwesten mit ihren brennenden Fässern allgegenwärtig. Mal trieben sie mich zur Weißglut, wenn wir fünf Stunden auf einer Autobahn warten mussten, mal waren sie mir sympathisch. Der französische Präsident landete währenddessen in Buenos Aires, um am G20-Gipfel teilzunehmen. Die argentinische Vizepräsidentin versäumte es allerdings, ihn abzuholen. Verdutzt über das leere Rollfeld schüttelte Macron schließlich einem Flughafenmitarbeiter mit gelber Weste die Hand. Eine Geschichte, die weltweit für Erheiterung sorgte.

Ich weiß nicht, wie das Spiel zwischen Boca und River ausging. Mein Ismael ist Boca-Fan, also drücke ich ihnen die Daumen. Macri war einst Chef des Fußballclubs, also mag ich Boca nicht besonders. Und eigentlich ist mir Fußball auch ganz egal. Denn wie konterte Cristina Kirchner im Jahr 2012 gegenüber dem Internationalen Währungsfonds: “Das hier ist kein Fußballspiel. Das ist die schwerste politische und ökonomische Krise seit den dreißiger Jahren.”

Ausblick 2019: Fit, schlau und glücklich mit Wassermelone

Ich habe das Gefühl, dass 2019 ein gutes Jahr werden wird. In Argentinien stehen Wahlen bevor, so denke ich, dass sich die ökonomischen Einschnitte in Grenzen halten werden.

Und ich gehe nicht nur gesund ins neue Jahr, sondern auch mit klaren Vorhaben. Vieles davon habe ich bereits vorbereitet und angestoßen. Sicher, es ist nie garantiert, dass die Ziele auch erreicht werden. Aber ich werde es wenigstens versucht haben. Und das ist doch auch schon einmal etwas.

Aber nun will ich mit meinen guten Vorsätzen für das neue Jahr nicht hinter dem Berg halten.

  • Unsere neue Wohnung befindet sich dicht an einem Fitness-Studio. Einen Video- oder Podcast-Kurs anzuhören, lässt sich gut mit einer Stunde auf dem Laufband verbinden.
  • Meine Kinder-Geschichte, für die sich bereits ein Verlag interessiert, wird illustriert sein und in den Druck gehen.
  • Ein Sachbuch zu einem wirtschaftswissenschaftlichen Thema liegt als Manuskript vor.
  • Ich will endlich das Anerkennungsverfahren für meine Abschlüsse abschließen. Das ist wohl der schwerste Part.

Das letzte Ziel muss ich vielleicht noch ein wenig erklären:

Um sein deutsches Abitur und damit auch seine deutschen Hoch- und Fachhochschulabschlüsse anerkennen zu lassen, muss man in mehreren Fächern ein argentinisches Abitur schreiben. Dies sind all jene Fächer, die sich ganz spezifisch auf Argentinien beziehen: Geschichte, Literatur, Geographie und Sozialkunde. Ich habe bereits einen dicken Katalog der Themenkreise vorliegen. Denn für das Abitur reicht es nicht, den Stoff der letzten Klasse durchzuarbeiten. Stattdessen muss das Pensum der gesamten Sekundarstufe abrufbar sein. Bisher habe ich mich gesträubt, doch eigentlich ist es nur richtig, dass ich nach vier Jahren Leben in Argentinien endlich einmal über dieses Land Bescheid weiß. Dann setze ich mich auch gerne mit den Siebzehnjährigen noch einmal Klassenraum.

Ich schaue zurück und staune

Wie man sich so irren kann

Bevor ich den Jahresrückblick schrieb, hatte ich den Eindruck, in diesem Jahr nicht allzu viel erlebt zu haben. Ein klarer Fall von zu hoch gesteckten Erwartungen an mich selbst. Denn es müssen gar nicht immer die großen Würfe sein. Kleine Schritte bringen oft viel weiter. Und wenn ich mir meine Situation im Januar ansehe, in der ich mühsam darum kämpfte, überhaupt wieder am Leben teilzunehmen, und mir dann ansehe, was dieses Jahr so alles mit sich gebracht hat… Dann kann ich nur sagen: Wow!

Mein Fazit

Es bringt überhaupt nichts, in schlechten Zeiten die Flügel hängen zu lassen. Manchmal kostet es Überwindung, aus dem Haus zu gehen, an anderen Tagen baut man ein erfolgreiches Business auf. In jedem Fall geht es darum, den einen ersten Schritt zu tun. Schlechte Zeiten gibt es immer wieder. Das lernt man in Argentinien sehr schnell. Doch es ist auch möglich, im Regen zu tanzen. Aus den ungünstigen Umständen etwas Positives herauszuholen. Und wenn das nicht geht, dann heißt es zu kämpfen. Immer wieder.

Für andere und für sich selbst.

Frances Dahlenburg, 28.Dezember 2018

YouTube aktivieren?

Auf dieser Seite gibt es mind. ein YouTube Video. Cookies für diese Website wurden abgelehnt. Dadurch können keine YouTube Videos mehr angezeigt werden, weil YouTube ohne Cookies und Tracking Mechanismen nicht funktioniert. Willst du YouTube dennoch freischalten?